Alltagstipp: Konflikte entschärfen

Alltagstipp für Familien Konflikte entschärfen

“Jeder, dessen Meinung von der unseren abweicht, ist als geistesgestört zu betrachten,” ulkte seinerzeit der Journalist und Autor Mark Twain (1835 – 1910).
Damit erfasste er des Pudels Kern alltäglicher Konflikte: Das Gegenüber bleibt anders – verschieden von einem selbst – von gestern bis heute, auch Übermorgen und andernorts noch. 
Nichtsdestotrotz neigen Menschen seit jeher dazu, das Verhalten anderer – für sich – zu deuten, zu erklären und prognostisch zu bewerten.

 

Das gilt…

  • …meist im Sinne kategorischer Kanons aus Wenn-Dann-Verknüpfungen
  • …meist mit dem Ziel, das soziale Miteinander zu organisieren
  • …oft vor dem Hintergrund, dass sich Individuen als Zentrum des persönlichen Orbits ‘fürwahr’ nehmen.

Das zeugt zwar von gesundem Selbstbewusstsein, und auch von Selbstachtsamkeit. Mitunter gerät allerdings außer Acht, dass ‘manche Leute’ still und leise auf Kollisionskurs zueinander geraten, statt sich wechselseitig, kooperativ-unterstützend im Gleichgewicht zu halten. Zudem schießt manchmal der Glaube an die eigene Konfliktlösungskompetenz schlichtweg quer und blockiert die Dialogfähigkeit zugunsten einer Einengung auf nur ein einzelnes Thema. Aus meiner Sicht vernebelt sich so die Sicht auf den ‘eigentlichen’ Konflikt – und auf die Tatsache, dass nicht jeder Konflikt lösbar ist, geschweige denn: sich rückstandslos ins Nichts auflöst. In einer unlösbaren Situation steckt man zum Beispiel ‘dann’ fest, ‘wenn’ die Ausgangspositionen der Konfliktparteien unüberbrückbar weit auseinanderliegen und/oder wechselseitig die Überzeugung in den Raum gestellt wird, das jeweilige Gegenüber ‘müsse eben nur mal wollen’.

Und doch gibt es fast immer ‘etwas’, das jede_r für sich und für andere tun kann
– zum Beispiel…

  • …mit Interesse, Respekt und Höflichkeit einander zu begegnen
  • …statt zu klagen aufrichtige Fragen aufzuwerfen – ohne zu beanspruchen, die beste Antwort bereit zu wissen
  • …den ominösen ‘richtigen Zeitpunkt’ für die Auseinandersetzungen zu treffen.

Meist beginnen ‘günstige Stunden’, wenn die Stimmung gerade entspannt ist, also kein akuter Druck ‘in der Luft’ liegt. Am Tagesende ist es eher ungünstig – u.a. weil der Tag häufig bereits ‘genug’ Konzentration, Energie und Kraft aufgebraucht hat, eventuell auch Stress machte – oder schlichtweg ermüdete. Auch bei akuter Verärgerung u.ä. atmosphärischen Störungen eskalieren Konflikte oft eher als dass sie de-eskalieren. Ein Mensch mit 95 Herzschlägen pro Minute (oder mehr) ist – physiologisch betrachtet – zum Beispiel gar nicht mehr gesprächsfähig, weil u.a. das Denken und die Merkfähigkeit durch Stresshormone herabgesenkt wird. Man braucht durchschnittlich mindestens 20 Minuten, um in einen neutralen, gefühlsmäßig regulierbaren Zustand zurückzufinden.

Um sich innerlich auf ein Streitgespräch einstellen zu können,
ist es in der Regel nützlich…

  • …das Konfliktgespräch auf maximal 30 Minuten zu begrenzen, damit alle Beteiligten die Chance haben, über das Gesagte nachzudenken und ggf. in eigene Verhaltensänderungen zu überführen
  • …sich zu vertagen, falls zum Gesprächsrundenauftakt kein Konsens zustande kommt. Statt – wie beim Tennis – mit dem Satz zum Sieg zu kommen, einigt man sich also auf ein Patt – wie im Golf – bzw. auf das ‘Unentschieden’. Schlussendlich geht es ohnehin darum, dass alle gewinnen
  • …die sogenannte ‘VW-Regel’ zu beherzigen. Das bedeutet: ‘Vorwürfe’ sein zu lassen und ‘Wünsche’ zu formulieren, also um ‘etwas’ zu bitten, statt ‘es’ unausgesprochen zu erwarten. Mehr als drei Wünsche zugleich steckt man allerdings bitte bloß der Zahn-Fee zu. Oder dem Osterhasen
  • zu reden und reden zu lassen, auf den Punkt zu kommen, ohne zuzuspitzen – und aktiv zuzuhören. Das bedeutet auch, die Verteilung der Redezeit fair zu teilen.

Um der (Selbst-) Sabotage vorzubeugen, ist von (Eigen-) Nutzen,
folgendes zu vermeiden:

  • Keine Zeit für Konfliktgespräche frei zu schaffen, zum Beispiel, indem man zu Ausflüchten oder Ablenkungsmanövern greift, ausufernde Argumentationen ins Feld führt bzw. sich wiederholt und/oder in Rage redet
  • Vorwürfe zu erheben und Schuld zuzuweisen statt konkrete Vorschläge zu machen und gemeinsam eine Lösung aus- und abzumachen. Denn zu jedem Konflikt tragen mindestens zwei Konfliktparteien bei, und so bleibt eine Konfliktmasse ein Kombinat ohne Monopol
  • Sich ohne eigene Zielvorstellung auf das Streitgespräch einzulassen. Denn: Ohne Ziel ist der Weg mangels ‘Verhandlungsmasse’ willkürlich und manchmal fast endlos
  • Die Umstände des Konflikts auszublenden, zum Beispiel, indem man kein Wissen und/oder Bewusstsein dafür hat, welche Persönlichkeitsstruktur oder Interessenslage im Gegenüber ‘tickt’, welche Belastungen, Potentiale und Motivationen daraus erwachsen
  • Sich im Vorhinein nicht darum zu scheren, welche ‘nächsten Schritte’ leicht bzw. schwer fallen, um aufeinander zu zukommen – sowohl aus der eigenen Innenschau heraus wie auch aus der Warte des Perspektivwechsels.