Alltagstipp: Projektionsbasierte Konflikte entschärfen

Alltagstipp von Jana chantelau für Eltern: Grundprinzipien der KommunikationswissenschaftenDie Persönlichkeit eines Menschen zeigt sich u.a. darin, wie man mit anderen spricht, ihnen zuhört und sich miteinander austauscht. Wer zuhört, filtert die Information desjenigen, der spricht, u.a. nach den eigenen Erfahrungen und Werten – und auch nach der Struktur der persönlichen Identität.

Eine Rolle spielt dabei zum Beispiel die Prägung durch die Erziehung, die Bildung, die Kultur und das soziale Umfeld. Allerdings gilt dasselbe für den, der spricht. Hier wird u.a. die Tonalität und die Art der Wortwahl „gefiltert“, sodass aus zwischenmenschlicher Verständigung hin und wieder ein störungsanfälliges Etwas wird.

Darüber hinaus bestimmt bedingt die höchsteigene Individualität, was überhaupt zur Sprache gebracht wird – wie, wann, warum, von wem und zu wem es gesagt wird. Kurzum: Die Informationen, die wir sprachlich einander vermitteln, werden an beiden Enden von emotional gefärbten „Codes“ eingefasst. Sie bilden eine zwischenmenschliche Beziehungsebene. In einer angespannten Situation wirken sie leider manchmal eher wie ein Stolperstein statt – wie im „Normalfall“ – eine emotionale „Verbundenheit“ zu schaffen und zu fördern.

In der Folge bedeutet das u.a., dass von der einen oder der anderen Seite relativ lebensferne Übertragungen mitschwingen – sogenannte „Projektionen“. Sie sorgen beispielsweise dafür, dass Gedanken, Vermutungen, Unsicherheiten oder Befürchtungen quasi sachgrundlos ins Gegenüber hineingelesen und buchstäblich „übertragen“ werden. Dadurch wird die Kommunikation komplex, wenn nicht gar kompliziert. Die Beziehungsebene verzerrt sich dann nämlich in ihrer Bedeutung.

In einer solchen Situation übernimmt in der Regel das identitätsspezifische Konzept desjenigen, der projiziert, eine Steuerungsrolle – und zwar „über die Gebühr hinaus.“ Dabei werden Deutungsschlüssel angewandt, die fast ausschließlich auf das Innenleben einer einzigen Person passen, ohne dass äußere Maßnahmen zur Milderung greifen, wie etwa Selbstachtsamkeit oder die Selbst-Reflexion zugunsten möglichst objektiver Fremd- und Selbstwahrnehmungen.
Besonders schwierig wird es, wenn die Projektionen – bewusst oder unbewusst – dadurch motiviert sind, dass der Projektierende von den eigenen Schwächen ablenken will oder die Auseinandersetzung mit sich selbst scheut.

Angesichts solcher Motivationskraft werden die Projektionen mitunter besonders „erfolgreich“ übertragen. Bei einem empathischen Gegenüber ist dann beispielsweise häufig die Folge, dass sie/ er das persönliche Kommunikationsverhalten angleicht, um sich der Projektion anzupassen oder ihr zu entsprechen, statt sie zu ignorieren oder zu entkräften. Dies führt zu sich selbst erfüllenden Prophezeiungen spezieller Art.
Denn bei Gesprächen ist es meistens eben so, dass zweckgesteuerte Antriebskräfte, Impulse der Selbstdeutung und auch Interpretationen der persönlichen Identität sich gegenseitig sehr beeinflussen. Mal führt der eine Blickpunkt die Richtung, mal der andere – und dirigiert dann den Energie-Pegel solcher Prozesse. Solange eine spannungsfreie Atmosphäre vorherrscht, ermöglicht diese Art von Dynamik u.a. die „friedensstiftende“ Verständigung zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kultur und Erziehungsgeschichte.

Wenn jedoch unterschwellige Konflikte heraufziehen und über die Gesprächsteilnehmenden hereinzubrechen drohen, kann allerdings „Kladderadatsch“ entstehen und die Lage schwierig für alle Beteiligten machen.
Dabei sind Projektionen für sich genommen nicht unbedingt aggressiv oder zerstörend, sondern – vielleicht zukünftig – sogar wertvoll und nützlich. Denn immerhin entspringen sie meist der Phantasie eines Menschen. Erst wenn Projektionen negativ „aufgeladen“ sind, haben sie das Zeug, Szenarien zu kreieren, aus denen in der Regel niemand unbeschadet und schmerzfrei herauszukommen vermag. Um dann wenigstens die eigene Balance zu halten, nützen den beteiligten Gesprächspartner_innen oft genug folgende Methoden:

Wer gerade spricht, kann…

  • …die eigene Position „im stillen Kämmerlein“ hinterfragen, um zum Beispiel herauszufinden, ob sie durch selbstdarstellerische Anteile motiviert ist oder ihren Ursprung darin nimmt, dass man vor anderen etwas verheimlichen will, das man selbst als persönliche „Schwäche“ empfindet
  • …nachspüren, was die eigene Position eigentlich bezweckt und ob konflikt-ärmere Pfade zum selben Ziel führen
  • …persönliche Wertungen bewusst „ausschalten“, um beispielsweise sachlich zu bleiben und die Situation so zu entspannen
  • …inneren Abstand finden, um „bei sich“ zu bleiben und gleichzeitig fähig zu sein, sich dem Gegenüber konkret zu „erklären.“

Wer gerade zuhört, kann…

  • …bewusst unterscheiden, wie man das Gehörte einerseits wahrgenommen hat und andererseits dann gedeutet und verstanden hat, zum Beispiel, um herauszufinden, ob eventuell ein Missverständnis vorliegt
  • …innerlich kurz über sich selbst nachdenken, zum Beispiel, um mithilfe eines „Wirklichkeits-Check“ zu überprüfen, ob ein Teil der Projektion tatsächlich mit dem eigenen Verhalten verzahnt ist – oder um eben dies sicher ausschließen zu können.

Die Voraussetzung ist, dass die Beteiligten den Willen haben, die Spannung aufzulösen und genug Konfliktfähigkeit zeigen, um Wege zur Entspannung zu finden, indem man zum Beispiel…

  • …der inneren Stimme intuitiv vertraut
  • …respektiert, dass jede_r der/die Expert_in für sich selbst bleibt und die Verantwortung für das eigene Verhalten trägt
  • …sich vor Augen führt, dass Kompromisse nur gemeinsam „erarbeitet“ werden können
  • …offen thematisiert, wie sich die Art des Miteinanders im Gespräch niederschlägt
  • …vorwurfsfrei und ohne zu werten die eigenen Toleranzgrenzen benennt
  • …oder anspricht, wie die „Aufforderungen“ des Gegenübers ankommen und ob sie eine Klärung brauchen.